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Eine
Laudatio von Ursula
Falke
Vorstandsmitglied
vom
"Verein für Heimatkunde" in Wilhelmsburg
Mit
diesem Beitrag soll die Erinnerung an Dorothea Gartmann,
eine außergewöhnliche Frau, wachgehalten werden,
die schon fast in Vergessenheit geraten ist. Schwierig waren
die Nachforschungen, dürftig die Auskünfte. Erhalten
ist in großem Umfang ihr Lebenswerk, gemalte Kompositionen,
in denen sie unter anderem auch die Veränderungen Wilhelmsburgs
im letzten Jahrhundert dokumentierte. Diese Bilder sind Geschichte
des Stadtteils.
Dorothea
Gartmann stammt aus einer alten Wilhelmsburger Familie. Ihr
Vater Fritz Ernst Christian Wolkau war Maschinenbauer und
lebte mit seiner Frau Maria Dorothea Martha, geb. Wülfken
am Ernst-August-Deich. Dem Ehepaar wurde am 4. Februar 1891
eine Tochter geboren und auf den Namen Dorothea Katharina
Mary getauft. Die Familie lebte in bescheidenen finanziellen
Verhältnissen, deshalb war es verständlich, dass
Dorothea, als sie die Schule Fährstraße verließ,
Geld verdienen musste. Da Malen eine Kunstfertigkeit war,
die man bei ihr schon im Alter von 5 Jahren erkennen konnte,
kam sie zur Ausbildung zum Postkartenmaler Witthoff in die
Großen Bleichen.
Am
8. Oktober 1910 heiratete sie in Wilhelmsburg den Elektromeister
Franz August Martin Gartmann, geboren am 28. Juni 1888
in Beeskow. Bald darauf kamen die Söhne Franz (1911)
und Friedrich (1912). Auch als die Söhne noch sehr
klein waren, malte Dorothea Gartmann. Auf diese Weise trug
sie zum Unterhalt der Familie bei und konnte ihrer Malleidenschaft
nachgehen. In der Familie fand sie dafür keine Anerkennung.
Nach Jahren des Streites
und immer wiederkehrender Auseinandersetzungen
trennte sich das Ehepaar. Jetzt trug Dorothea
Gartmann allein die Sorge um das Wohlergehen
ihrer Kinder. Dies und der Wille ihnen eine
gute Schulausbildungen zu ermöglichen,
zwang sie zum Geldverdienen.
Eine Ausbildung an der
Hochschule, um ihre Begabung zu vervollständigen,
konnte sie sich nicht leisten, nicht einmal
einen Besuch in einem Museum. Ihre Kunstmeisterin
war die Natur mit ihren Farben und Formen.
Hier kam sie dem Sinn für Schönheit
näher, hier lernte sie Perspektiven erkennen.

Über eintausend Aquarelle in zarten
aber auch kontrastreichen Farben hat sie im Laufe ihres
Lebens gemalt. Gleichzeitig nahm sie Aufträge für Ölgemälde
entgegen. Den Wünschen der Auftraggeber folgend, hat
sie nach Vorlagen oder Vorgaben gemalt. Blumengemälde,
aber auch Heide- und Waldlandschaften sind dem damaligen
Zeitgeschmack entsprechend entstanden. So hat sie auf Wunsch
eines Kunsthändlers Hindenburg gemalt. Durch den Verkauf
solcher Bilder, auch wenn der Verdienst gering war, konnte
sie sich und ihre Kinder ernähren. Sie lebte aber
ständig an der Armutsgrenze.
Trotz
allem sind ihre positive Ausstrahlung und Freundlichkeit,
ihre Beständigkeit und ihre Bereitschaft zu Kompromissen
vielen Menschen in Erinnerung geblieben. Als ihr Sohn im
Kriegsjahr 1942 nach abgeschlossener Schulausbildung und
Studium eine Anstellung am Wilhelmgymnasium als Lehrer erhielt,
bezahlte er für seine Mutter ein Semester bei Professor
Zeschka an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste.
Viele Studien sind aus dieser Zeit noch vorhanden.

Ihre
besondere Stärke waren Aquarelle. Landschaften und
Blumen aus Wilhelmsburg waren dabei ihre bevorzugten Motive.
Dorothea Gartmann hat unserem Stadtteil, den sie von seinen
schönsten Seiten gemalt hat, ein unvergleichlich wertvolles
Denkmal gesetzt.
46 Jahre lebte sie in
der Veringstraße 58 bis sie im Alter
von 70 Jahren verstarb, kurz nach ihrer letzten
Ausstellung im Wilhelmsburger Rathaus.
Lange Jahre war sie vergessen.
Erst durch einen großen Zufall konnte
1999 eine Ausstellung mit Bildern aus Privatbesitz
im Wilhelmsburger Bürgerhaus gezeigt werden.
Der ebenfalls zufällig zustande gekommene Kontakt zur Enkelin ermöglichte
den Zugang zu einem Schatz, der jahrelang gut erhalten im Keller lag.
Nach dem Tod der Großmutter hatte der Sohn die Bilder sorgsam aufgehoben,
nach seinem Tod die Enkeltochter. Inzwischen sind 1216 Bilder aus diesem
Nachlass mit Hilfe und nach Vorgabe der Hochschule für Bildende
Künste katalogisiert und digitalisiert.
Viele
Geschichten und Anekdoten ranken sich um den Namen der Künstlerin,
von Bratpfannen, die sie aus Ärger mit dem Hauswirt
in der Hausflur malte, von Steuerberaterrechnungen, die sie
mit Bildern beglich und die danach Hochzeitsgeschenke wurden,
von fremden Bildern, die sie restaurierte wenn der Glaser
beim Einrahmen Pech hatte und immer wieder von ihrer großen
Armut, ihrer Klugheit und ihrer Freundlichkeit. Sorgen wir
dafür, dass diese Künstlerin nicht vergessen wird!
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